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Archive für Juli 2009
Schwierige Bedingungen für den deutschen Spracherwerb
24.7.2009 von admin.
Ausgangslage im Brennpunktkiez
Schulen im Soldiner Kiez und dessen Umfeld machen oft eine engagierte Arbeit, um Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund bestmöglich zu fördern. Ganztagsschulen wurden eingerichtet, spezielle Profile an einzelnen Schulen entwickelt, externe Projekte wurden in die schulische Arbeit integriert. Doch reichen die Ressourcen der Schulen nicht aus, grundlegende Probleme des Sprach- und Bildungserwerbs zu lösen, die sich durch die soziale Struktur des Kiezes ergeben. Räumlich beengte und finanziell belastete Verhältnisse erschweren eine intensive, fördernde Beschäftigung mit den Kindern genauso wie die mangelnden Bildungsvoraussetzungen vieler Eltern, Sprachbarrieren oder kulturell tradierte Geschlechterrollen. Vorbilder von Migranten mit beeindruckenden Bildungskarrieren fehlen häufig.
Trotzdem ist zu beobachten, dass selbst Eltern aus so genannten bildungsfernen Schichten und viele streng religiös oder kulturell gebundene Schülerinnen und Schüler eine hohe Motivation entwickeln, Bildung und die deutsche Sprache zu erwerben. Sie scheitern dann nicht an mangelnder Lernbereitschaft, sondern an den hohen Hürden, die sich ihnen als Kindern von Migranten in sozial schwachen Stadtvierteln in den Weg stellen:
Fehlende Begrifflichkeiten, fehlendes “Weltwissen”
Viele Schüler sind von Hause aus kaum gefördert worden. Es wurde sich aus besagten Gründen nicht intensiv mit ihnen beschäftigt, wenig vorgelesen, wenig unternommen. In der Familie wurden Situationen selten sprachlich begleitet, Probleme nicht verbal erläutert. Auch in der nichtdeutschen Muttersprache ist der Wortschatz deshalb wenig ausgeprägt.
Die Schule setzt jedoch Begrifflichkeiten und ein komplexes semantisches Sprachverständnis voraus. Sie bearbeitet Inhalte anhand von Begriffen, die Migrantenkindern häufig unverständlich sind. Nicht nur, weil sie die sprachliche deutsche Form, sondern auch den Begriff selbst nicht kennen.
Ein Beispiel: Grundschüler mit Migrationshintergrund kennen zwar die Kategorie und das Wort „Vogel“, haben aber häufig keine Wörter für „Meise“, „Habicht“ oder „Specht“, auch nicht in türkisch oder arabisch. Manche kennen diese Tiere gar nicht.
Doppelhürde Sprachverständnis und Fachinhalte
Die Fachinhalte, seien es die in Mathematik oder in Biologie, stellen schon für deutschsprachige Kinder und Jugendliche eine große kognitive Herausforderung dar, vor allem dann, wenn sie familiär und vorschulisch nicht darauf vorbereitet wurden. Kinder- und Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen aber mit der doppelten Schwierigkeit leben, diese komplexen Fachinhalte in einer fremden Sprache zu lernen und wiederzugeben. An dieser Doppelhürde scheitern sie häufig und klinken sich aus dem schulischen Lernen aus.
Ein Beispiel: Ein Schüler des fünften Schuljahres sollte in einer Nachhilfestunde im Medienhof die Ladung eines LKWs ausrechnen, der mit und ohne Ladung gewogen wird. Der Schüler konnte er die Aufgabe nicht lösen, da er nicht wusste, was eine Ladung oder ein LKW ist, bzw. nicht das unregelmäßige Verb „gewogen“ von „wiegen“ ableiten konnte. Nach der sprachlichen Erläuterung der Aufgabe konnte der Junge die Subtraktionsaufgabe erfolgreich rechnen.
Verstecken von Schwächen
Im gemeinsamen Unterricht in großen Klassen bleiben individuelle Schwächen mitunter unentdeckt, weil die Zeit fehlt, auf Einzelne einzugehen. Die Schüler haben vielfältige Fähigkeiten entwickelt, ihre individuellen Schwächen zu verdecken: Hausaufgaben abschreiben, Ratetechniken, Verschweigen von Nichtwissen, interessiert scheinendes Abschalten, formale Umformungen ohne Verständnis des Inhalts, Auswendiglernen ohne Anwendungswissen.
Ein Beispiel: Eine Schülerin konnte die Ballade “John Maynard” richtig rezitieren: “Die Schwalbe flog über den Eriesee, Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee…” Auf Nachfrage meinte sie, das Gedicht handele von einem Vogel. Die Wörter “Bug” und “Gischt” konnte sie nicht identifizieren. Für ihren Vortrag bekam sie an der Schule eine Zwei.
Keine Vermittlung von Bildungsinhalten und fehlende Fachfundamente
Schüler können Texte immer vorlesen, verstehen aber meist die Inhalte nicht, weil sie weder die schriftsprachliche Grammatik noch den Wortschatz beherrschen. Der Fachunterricht baut aber auf vorherigen Inhalten auf. Wir machen im Nachhilfeunterricht die Erfahrung, dass viele fachliche Fundamente bei Schülern fehlen, obwohl sie schon das siebte oder achte Schuljahr besuchen. Sie können das Einmaleins nicht, wissen nicht die Reihenfolge des Alphabets, kennen die Europakarte nicht oder die Zeitleiste in Geschichte. Unsicherheit im Unterricht, Versagensängste, mangelndes Selbstbewusstsein, Störungen aus Überforderungssituationen im Unterricht sind die Folge.
Ein Beispiel: Eine Gymnasiastin sollte verschiedene Wahlverfahren während der Französischen Revolution identifizieren (zur Ständeversammlung, Nationalversammlung, Konvent ect.). Sie konnte aber weder bestimmen, was Adlige oder Geistliche sind, noch konnte sie Ereignisse vor 1789 oder danach benennen. Einordnungen von Ereignissen auf dem Zeitstrang waren ihr nicht geläufig, Anspruch und Wirklichkeit klafften signifikant auseinander.
Fehlendes Sprachbad
Schüler im Soldiner Kiez werden häufig in einem Umfeld sozialisiert, dass die Herkunftssprache spricht. Das trifft wegen der entwickelten türkischsprachigen Infrastruktur vor allem auf die zahlenmäßig stärkste Zuwanderungsgruppe aus der Türkei zu. Arztbesuche, Einkäufe, Bankgeschäfte, sogar die Führerscheinprüfung können inzwischen auf Türkisch abgewickelt werden. Der Medienkonsum findet in den Familien oft auf Türkisch statt. In den entscheidenden ersten Lebensjahren wird häufig die Muttersprache Türkisch vermittelt, weil die Mutter erst kürzlich aus der Türkei nach Deutschland gezogen ist.
Selbst wenn im familiären oder freundschaftlichen Umfeld versucht wird, auf Deutsch zu kommunizieren, handelt es sich dabei oft um ein reduziertes Deutsch, ohne Artikel oder Präpositionen, mit eingeschränktem Wortschatz. Dieser Jargon wird an Schulen innerhalb der Schülerschaft ebenfalls gepflegt. Die einzigen muttersprachlichen Sprachvorbilder sind oft die Lehrer, die teilweise gar nicht verstanden werden. Da wenig in den Familien gelesen wird, sind die Kinder kaum auf Texte vorbereitet. Die komplexe deutsche Schriftsprache in den Fächern stellt viele Schüler vor unüberwindbare Hindernisse, schon beim Lesen, aber erst recht beim schriftlichen Ausdruck. Unter diesen Bedingungen einen versierten Fachwortschatz und eine eloquente Ausdrucksweise auf Deutsch zu erwerben, ist mehr als schwer.
Resumee
Die Beispiele haben deutlich gemacht, dass die Schule zum Bildungs- und Spracherwerb oft nicht ausreicht. In sozial schwachen Stadtgebieten mit sprachlichen Integrationsproblemen ist eine zusätzliche Unterstützung der Schüler angeraten. Motivierten Migrantenjugendlichen kann durch eine individuelle Bildungs- und Sprachförderung geholfen werden, schulische Erfolge zu erzielen. Hier muss das Verständnis von Texten, die Vermittlung von Bildungsinhalten im Vordergrund stehen. Im Frühjahr 2009 haben alle Schulleiter im Berliner Bezirk Mitte angegeben, dass sie dieser Kernaufgabe der Schulen unter den herrschenden Bedingungen nicht mehr nachkommen können. Die individuelle Förderung durch den Förderunterricht Sprint ist notwendig und erfolgreich, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
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