Archive für 27.10.2009

Diskussion um Integration: die deutsche Klassengesellschaft

Sprint arbeitet inmitten eines so genannten “sozialen Brennpunktkiezes”. Thilo Sarrazins Kritik an Migranten sollte hier also vor Ort überprüfbar sein. Wie sieht es aus mit den “bildungsfernen Eltern” und den “lern- und integrationsunwilligen” Jugendlichen? Darauf können einfache Antworten gegeben werden.

Täglich besuchen rund 50 Jugendliche den Medienhof, um zu lernen. Eltern melden ihre Kinder hier an und ersuchen auch andere Vereine und Institutionen im Kiez um Nachhilfe. Der Bedarf nach Nachhilfe ist im Soldiner Kiez und im Gesundbrunnenviertel enorm. Die meisten Eltern wissen sehr wohl, wie wichtig Bildung für ihre Kinder ist. Sie sind in diesem Sinne durchaus nicht bildungsfern. Nur helfen können sie ihren Sprösslingen kaum, weil sie häufig selbst wenig in der Schule gelernt haben.

Darüber hinaus habe ich bisher nie erlebt, dass Eltern sich dem Deutschlernen verweigern oder es nicht für ihre Kinder wollen. Sie wissen sehr wohl, dass Deutsch eine Grundvoraussetzung für den Bildungserfolg ihrer Kinder ist. Eltern mit Migrationshintergrund verzweifeln eher daran, dass ihre Kinder es auf deutschen Schulen nicht schaffen, gut Deutsch zu lernen. Das hat natürlich mit einem hohen Migrantenanteil an Weddinger Schulen, mit ausländischem Satellitenfernsehen und einer nicht-deutschen Familiensprache zu tun. Allerdings kann man türkischen oder arabischen Eltern nicht vorhalten, dass sie zuhause türkisch oder arabisch reden. Deutsche Eltern in Amerika würden zuhause auch deutsch sprechen.

Offensichtlich gelingt es der Schule nicht, Jugenlichen mit Migrationshintergrund Deutschkenntnisse zu vermitteln. Da Deutsch der Schlüssel zu allen Lerninhalten ist, die aber nicht bei den Schülern ankommen, gibt es nur geringe Bildungserfolge. Das demotiviert viele Schüler, die sich nicht zutrauen, die Doppelhürde Fachsprache und Fachinhalt zu überspringen, zumal sie vor ihrem Bildungshintergrund viel schlechtere Voraussetzungen dafür haben als ein deutsches Mittelstandskind. ܢÜberforderung, Störungen in der Klasse, geringes Selbstvertrauen und ein riesiger Nachhilfebedarf sind die Folgen. Kleine Projekte wie Sprint können mit Nachhilfe und Sprachförderung nicht ausgleichen, was der große Apparat Schule nicht schafft.

Warum schafft er es nicht? Hier sind die Antworten komplizierter.

Die Zuwanderung nach Deutschland kam in den letzten Jahrzehnten einer “Unterschichtung” gleich. Vor allem Arbeiter für ungelernte Tätigkeiten kamen nach Deutschland. Einwanderungsländer wie die USA holen dagegen hochqualifizierte Kräfte nach einem Punktesystem ins Land. Die schaffen entscheidende Wachstumsimpulse für die Gesellschaft und die Wirtschaft - und sie schaffen leicht den gesellschaftlichen Aufstieg.

In Deutschland bevorzugte man das umgekehrte Modell. Die “Gastarbeiter” sollten keine Ambitionen haben, den deutschen Facharbeitern keine Arbeit wegnehmen, sondern stark und robust sein und den Mund halten.

Die Arbeitsplätze für ungelernte Industriearbeiter sind heute weg, vor allem in Berlin. Die Nachkommen der Gastarbeiter von damals finden in diesem Bereich keine Anstellung mehr. Viele sind arbeitslos geworden und leben von Hartz IV.

Schlimm ist, dass das deutsche Schulsystem es nicht schafft, so genannten “Unterschichtkindern” gute Bildungskarrieren zu ermöglichen. Das gesamte Schulsystem ist auf deutsche Mittelstandskinder mit entsprechenden personalen, sozialen, fachlichen und sprachlichen Kompetenzen ausgerichtet. Auch deutsche Unterschichtkinder schaffen es kaum, in diesem Bildungssystem aus ihrem Herkunftsstatus herauszukommen. Sie enden meist an der Hauptschule ohne Jobperspektive und leben von Sozialtransfers wie ihre Eltern.

Warum sollte es türkischen oder arabischen Unterschichtkindern anders ergehen, wo sie doch durch die Sprachbarrieren noch schlechtere Voraussetzungen haben? Gemessen an der deutschen Gesellschaft insgesamt schneiden türkische und arabische Kinder tatsächlich schlecht ab und erreichen überwiegend keine oder schlechte Schulabschlüsse. Gemessen an der deutschen Unterschicht agieren die türkischen oder arabischen Kinder und Jugendlichen aber wesentlich erfolgreicher, zeigen in der Breite eine viel größere Bildungsmotivation, vor allem bei den Mädchen, und sind im sozialen Umgang, in der Alkoholabstinenz und im Familienzusammenhalt dem deutschen “Prekariat” um einige positive Längen voraus.

Das deutsche Dreiklassen-Schulsystem verbarrikadiert Kindern aus sozial schwachen Familien also den Bildungserfolg, fördert sie nicht ausreichend, sondern selektiert sie aus und schafft es nicht einmal, in zehn Jahren ausreichende Sprachkenntnisse in Deutsch zu vermitteln. Zwar gibt es durch Zuwanderung und höherer Geburtenrate immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund und solche aus sozial schwachen Schichten, wenn sie aber den Aufstieg versuchen, können sie immer weniger mit deutschen Mittelstandskindern und Kindern aus Oberschichten konkurrieren, die früh optimal gefördert werden und sich längst auf Privatschulen verabschiedet haben. Ein Elitedünkel der Thilo Sarrazin und seinen Freunden vom Golfclub nicht fremd sein dürfte.

Wenn das deutsche Bildungssystem sich nicht endlich auf die sozial schwachen und migrantischen Schichten einstellt und in sozialen Brennpunkten mit mehr Ressourcen, Ganztagsschulen mit veränderter Pädagogik und Didaktik, mehr Jugendarbeit sowie einer systematischen und abgestimmten Sprachförderung diese Schichten anspricht und zu Bildungskarrieren animiert, wird weder die soziale noch die ethnische Integration im Wedding und in Deutschland gelingen. Die sozialen Abstände und Abschottungen werden nur noch größer werden.

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