| M | D | M | D | F | S | S |
|---|---|---|---|---|---|---|
| « Okt | ||||||
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | |
| 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 |
| 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 |
| 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 |
| 28 | 29 | 30 | 31 | |||
- Uncategorized (4)
Verfasser-Archiv
Diskussion um Integration: die deutsche Klassengesellschaft
27.10.2009 von admin.
Sprint arbeitet inmitten eines so genannten “sozialen Brennpunktkiezes”. Thilo Sarrazins Kritik an Migranten sollte hier also vor Ort überprüfbar sein. Wie sieht es aus mit den “bildungsfernen Eltern” und den “lern- und integrationsunwilligen” Jugendlichen? Darauf können einfache Antworten gegeben werden.
Täglich besuchen rund 50 Jugendliche den Medienhof, um zu lernen. Eltern melden ihre Kinder hier an und ersuchen auch andere Vereine und Institutionen im Kiez um Nachhilfe. Der Bedarf nach Nachhilfe ist im Soldiner Kiez und im Gesundbrunnenviertel enorm. Die meisten Eltern wissen sehr wohl, wie wichtig Bildung für ihre Kinder ist. Sie sind in diesem Sinne durchaus nicht bildungsfern. Nur helfen können sie ihren Sprösslingen kaum, weil sie häufig selbst wenig in der Schule gelernt haben.
Darüber hinaus habe ich bisher nie erlebt, dass Eltern sich dem Deutschlernen verweigern oder es nicht für ihre Kinder wollen. Sie wissen sehr wohl, dass Deutsch eine Grundvoraussetzung für den Bildungserfolg ihrer Kinder ist. Eltern mit Migrationshintergrund verzweifeln eher daran, dass ihre Kinder es auf deutschen Schulen nicht schaffen, gut Deutsch zu lernen. Das hat natürlich mit einem hohen Migrantenanteil an Weddinger Schulen, mit ausländischem Satellitenfernsehen und einer nicht-deutschen Familiensprache zu tun. Allerdings kann man türkischen oder arabischen Eltern nicht vorhalten, dass sie zuhause türkisch oder arabisch reden. Deutsche Eltern in Amerika würden zuhause auch deutsch sprechen.
Offensichtlich gelingt es der Schule nicht, Jugenlichen mit Migrationshintergrund Deutschkenntnisse zu vermitteln. Da Deutsch der Schlüssel zu allen Lerninhalten ist, die aber nicht bei den Schülern ankommen, gibt es nur geringe Bildungserfolge. Das demotiviert viele Schüler, die sich nicht zutrauen, die Doppelhürde Fachsprache und Fachinhalt zu überspringen, zumal sie vor ihrem Bildungshintergrund viel schlechtere Voraussetzungen dafür haben als ein deutsches Mittelstandskind. ܢÜberforderung, Störungen in der Klasse, geringes Selbstvertrauen und ein riesiger Nachhilfebedarf sind die Folgen. Kleine Projekte wie Sprint können mit Nachhilfe und Sprachförderung nicht ausgleichen, was der große Apparat Schule nicht schafft.
Warum schafft er es nicht? Hier sind die Antworten komplizierter.
Die Zuwanderung nach Deutschland kam in den letzten Jahrzehnten einer “Unterschichtung” gleich. Vor allem Arbeiter für ungelernte Tätigkeiten kamen nach Deutschland. Einwanderungsländer wie die USA holen dagegen hochqualifizierte Kräfte nach einem Punktesystem ins Land. Die schaffen entscheidende Wachstumsimpulse für die Gesellschaft und die Wirtschaft - und sie schaffen leicht den gesellschaftlichen Aufstieg.
In Deutschland bevorzugte man das umgekehrte Modell. Die “Gastarbeiter” sollten keine Ambitionen haben, den deutschen Facharbeitern keine Arbeit wegnehmen, sondern stark und robust sein und den Mund halten.
Die Arbeitsplätze für ungelernte Industriearbeiter sind heute weg, vor allem in Berlin. Die Nachkommen der Gastarbeiter von damals finden in diesem Bereich keine Anstellung mehr. Viele sind arbeitslos geworden und leben von Hartz IV.
Schlimm ist, dass das deutsche Schulsystem es nicht schafft, so genannten “Unterschichtkindern” gute Bildungskarrieren zu ermöglichen. Das gesamte Schulsystem ist auf deutsche Mittelstandskinder mit entsprechenden personalen, sozialen, fachlichen und sprachlichen Kompetenzen ausgerichtet. Auch deutsche Unterschichtkinder schaffen es kaum, in diesem Bildungssystem aus ihrem Herkunftsstatus herauszukommen. Sie enden meist an der Hauptschule ohne Jobperspektive und leben von Sozialtransfers wie ihre Eltern.
Warum sollte es türkischen oder arabischen Unterschichtkindern anders ergehen, wo sie doch durch die Sprachbarrieren noch schlechtere Voraussetzungen haben? Gemessen an der deutschen Gesellschaft insgesamt schneiden türkische und arabische Kinder tatsächlich schlecht ab und erreichen überwiegend keine oder schlechte Schulabschlüsse. Gemessen an der deutschen Unterschicht agieren die türkischen oder arabischen Kinder und Jugendlichen aber wesentlich erfolgreicher, zeigen in der Breite eine viel größere Bildungsmotivation, vor allem bei den Mädchen, und sind im sozialen Umgang, in der Alkoholabstinenz und im Familienzusammenhalt dem deutschen “Prekariat” um einige positive Längen voraus.
Das deutsche Dreiklassen-Schulsystem verbarrikadiert Kindern aus sozial schwachen Familien also den Bildungserfolg, fördert sie nicht ausreichend, sondern selektiert sie aus und schafft es nicht einmal, in zehn Jahren ausreichende Sprachkenntnisse in Deutsch zu vermitteln. Zwar gibt es durch Zuwanderung und höherer Geburtenrate immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund und solche aus sozial schwachen Schichten, wenn sie aber den Aufstieg versuchen, können sie immer weniger mit deutschen Mittelstandskindern und Kindern aus Oberschichten konkurrieren, die früh optimal gefördert werden und sich längst auf Privatschulen verabschiedet haben. Ein Elitedünkel der Thilo Sarrazin und seinen Freunden vom Golfclub nicht fremd sein dürfte.
Wenn das deutsche Bildungssystem sich nicht endlich auf die sozial schwachen und migrantischen Schichten einstellt und in sozialen Brennpunkten mit mehr Ressourcen, Ganztagsschulen mit veränderter Pädagogik und Didaktik, mehr Jugendarbeit sowie einer systematischen und abgestimmten Sprachförderung diese Schichten anspricht und zu Bildungskarrieren animiert, wird weder die soziale noch die ethnische Integration im Wedding und in Deutschland gelingen. Die sozialen Abstände und Abschottungen werden nur noch größer werden.
Geschrieben in Uncategorized | Drucken | Keine Kommentare »
Schwierige Bedingungen für den deutschen Spracherwerb
24.7.2009 von admin.
Ausgangslage im Brennpunktkiez
Schulen im Soldiner Kiez und dessen Umfeld machen oft eine engagierte Arbeit, um Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund bestmöglich zu fördern. Ganztagsschulen wurden eingerichtet, spezielle Profile an einzelnen Schulen entwickelt, externe Projekte wurden in die schulische Arbeit integriert. Doch reichen die Ressourcen der Schulen nicht aus, grundlegende Probleme des Sprach- und Bildungserwerbs zu lösen, die sich durch die soziale Struktur des Kiezes ergeben. Räumlich beengte und finanziell belastete Verhältnisse erschweren eine intensive, fördernde Beschäftigung mit den Kindern genauso wie die mangelnden Bildungsvoraussetzungen vieler Eltern, Sprachbarrieren oder kulturell tradierte Geschlechterrollen. Vorbilder von Migranten mit beeindruckenden Bildungskarrieren fehlen häufig.
Trotzdem ist zu beobachten, dass selbst Eltern aus so genannten bildungsfernen Schichten und viele streng religiös oder kulturell gebundene Schülerinnen und Schüler eine hohe Motivation entwickeln, Bildung und die deutsche Sprache zu erwerben. Sie scheitern dann nicht an mangelnder Lernbereitschaft, sondern an den hohen Hürden, die sich ihnen als Kindern von Migranten in sozial schwachen Stadtvierteln in den Weg stellen:
Fehlende Begrifflichkeiten, fehlendes “Weltwissen”
Viele Schüler sind von Hause aus kaum gefördert worden. Es wurde sich aus besagten Gründen nicht intensiv mit ihnen beschäftigt, wenig vorgelesen, wenig unternommen. In der Familie wurden Situationen selten sprachlich begleitet, Probleme nicht verbal erläutert. Auch in der nichtdeutschen Muttersprache ist der Wortschatz deshalb wenig ausgeprägt.
Die Schule setzt jedoch Begrifflichkeiten und ein komplexes semantisches Sprachverständnis voraus. Sie bearbeitet Inhalte anhand von Begriffen, die Migrantenkindern häufig unverständlich sind. Nicht nur, weil sie die sprachliche deutsche Form, sondern auch den Begriff selbst nicht kennen.
Ein Beispiel: Grundschüler mit Migrationshintergrund kennen zwar die Kategorie und das Wort „Vogel“, haben aber häufig keine Wörter für „Meise“, „Habicht“ oder „Specht“, auch nicht in türkisch oder arabisch. Manche kennen diese Tiere gar nicht.
Doppelhürde Sprachverständnis und Fachinhalte
Die Fachinhalte, seien es die in Mathematik oder in Biologie, stellen schon für deutschsprachige Kinder und Jugendliche eine große kognitive Herausforderung dar, vor allem dann, wenn sie familiär und vorschulisch nicht darauf vorbereitet wurden. Kinder- und Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen aber mit der doppelten Schwierigkeit leben, diese komplexen Fachinhalte in einer fremden Sprache zu lernen und wiederzugeben. An dieser Doppelhürde scheitern sie häufig und klinken sich aus dem schulischen Lernen aus.
Ein Beispiel: Ein Schüler des fünften Schuljahres sollte in einer Nachhilfestunde im Medienhof die Ladung eines LKWs ausrechnen, der mit und ohne Ladung gewogen wird. Der Schüler konnte er die Aufgabe nicht lösen, da er nicht wusste, was eine Ladung oder ein LKW ist, bzw. nicht das unregelmäßige Verb „gewogen“ von „wiegen“ ableiten konnte. Nach der sprachlichen Erläuterung der Aufgabe konnte der Junge die Subtraktionsaufgabe erfolgreich rechnen.
Verstecken von Schwächen
Im gemeinsamen Unterricht in großen Klassen bleiben individuelle Schwächen mitunter unentdeckt, weil die Zeit fehlt, auf Einzelne einzugehen. Die Schüler haben vielfältige Fähigkeiten entwickelt, ihre individuellen Schwächen zu verdecken: Hausaufgaben abschreiben, Ratetechniken, Verschweigen von Nichtwissen, interessiert scheinendes Abschalten, formale Umformungen ohne Verständnis des Inhalts, Auswendiglernen ohne Anwendungswissen.
Ein Beispiel: Eine Schülerin konnte die Ballade “John Maynard” richtig rezitieren: “Die Schwalbe flog über den Eriesee, Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee…” Auf Nachfrage meinte sie, das Gedicht handele von einem Vogel. Die Wörter “Bug” und “Gischt” konnte sie nicht identifizieren. Für ihren Vortrag bekam sie an der Schule eine Zwei.
Keine Vermittlung von Bildungsinhalten und fehlende Fachfundamente
Schüler können Texte immer vorlesen, verstehen aber meist die Inhalte nicht, weil sie weder die schriftsprachliche Grammatik noch den Wortschatz beherrschen. Der Fachunterricht baut aber auf vorherigen Inhalten auf. Wir machen im Nachhilfeunterricht die Erfahrung, dass viele fachliche Fundamente bei Schülern fehlen, obwohl sie schon das siebte oder achte Schuljahr besuchen. Sie können das Einmaleins nicht, wissen nicht die Reihenfolge des Alphabets, kennen die Europakarte nicht oder die Zeitleiste in Geschichte. Unsicherheit im Unterricht, Versagensängste, mangelndes Selbstbewusstsein, Störungen aus Überforderungssituationen im Unterricht sind die Folge.
Ein Beispiel: Eine Gymnasiastin sollte verschiedene Wahlverfahren während der Französischen Revolution identifizieren (zur Ständeversammlung, Nationalversammlung, Konvent ect.). Sie konnte aber weder bestimmen, was Adlige oder Geistliche sind, noch konnte sie Ereignisse vor 1789 oder danach benennen. Einordnungen von Ereignissen auf dem Zeitstrang waren ihr nicht geläufig, Anspruch und Wirklichkeit klafften signifikant auseinander.
Fehlendes Sprachbad
Schüler im Soldiner Kiez werden häufig in einem Umfeld sozialisiert, dass die Herkunftssprache spricht. Das trifft wegen der entwickelten türkischsprachigen Infrastruktur vor allem auf die zahlenmäßig stärkste Zuwanderungsgruppe aus der Türkei zu. Arztbesuche, Einkäufe, Bankgeschäfte, sogar die Führerscheinprüfung können inzwischen auf Türkisch abgewickelt werden. Der Medienkonsum findet in den Familien oft auf Türkisch statt. In den entscheidenden ersten Lebensjahren wird häufig die Muttersprache Türkisch vermittelt, weil die Mutter erst kürzlich aus der Türkei nach Deutschland gezogen ist.
Selbst wenn im familiären oder freundschaftlichen Umfeld versucht wird, auf Deutsch zu kommunizieren, handelt es sich dabei oft um ein reduziertes Deutsch, ohne Artikel oder Präpositionen, mit eingeschränktem Wortschatz. Dieser Jargon wird an Schulen innerhalb der Schülerschaft ebenfalls gepflegt. Die einzigen muttersprachlichen Sprachvorbilder sind oft die Lehrer, die teilweise gar nicht verstanden werden. Da wenig in den Familien gelesen wird, sind die Kinder kaum auf Texte vorbereitet. Die komplexe deutsche Schriftsprache in den Fächern stellt viele Schüler vor unüberwindbare Hindernisse, schon beim Lesen, aber erst recht beim schriftlichen Ausdruck. Unter diesen Bedingungen einen versierten Fachwortschatz und eine eloquente Ausdrucksweise auf Deutsch zu erwerben, ist mehr als schwer.
Resumee
Die Beispiele haben deutlich gemacht, dass die Schule zum Bildungs- und Spracherwerb oft nicht ausreicht. In sozial schwachen Stadtgebieten mit sprachlichen Integrationsproblemen ist eine zusätzliche Unterstützung der Schüler angeraten. Motivierten Migrantenjugendlichen kann durch eine individuelle Bildungs- und Sprachförderung geholfen werden, schulische Erfolge zu erzielen. Hier muss das Verständnis von Texten, die Vermittlung von Bildungsinhalten im Vordergrund stehen. Im Frühjahr 2009 haben alle Schulleiter im Berliner Bezirk Mitte angegeben, dass sie dieser Kernaufgabe der Schulen unter den herrschenden Bedingungen nicht mehr nachkommen können. Die individuelle Förderung durch den Förderunterricht Sprint ist notwendig und erfolgreich, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Geschrieben in Uncategorized | Drucken | Keine Kommentare »
Was macht der Medienhof-Wedding?
12.5.2009 von admin.
Der Medienhof-Wedding ist ein Zentrum für Sprach- und Bildungsförderung im Soldiner Kiez. Hier können Jugendliche mit Migrationshintergrund von montags bis donnerstags zwischen 15.00 Uhr und 18.00 Uhr Nachhilfe, individuelle Hausaufgabenbetreuung und Sprachförderung erhalten. Außerdem gibt es Medienangebote für Kiezanwohner, Sprachangebote für Migrantenmütter und kulturelle Angebote für alle Interessierten.
Geschrieben in Uncategorized | Drucken | Keine Kommentare »
Warum ein Blog für den Förderunterricht Sprint?
12.5.2009 von admin.
Der Medienhof, das Förderzentrum der Sprach- und Bildungsförderung Sprint, ist unter anderem ein Medienzentrum. Deshalb ist ein Blog naheliegend. Der Förderunterricht im Medienhof findet an der Schnittstelle zwischen den Themen Integration, Bildungsförderung und Sprachförderung statt, die in der öffentlichen Diskussion leidenschaftlich besprochen werden. Deshalb ist es vielleicht sinnvoll, aus der Arbeit vor Ort zu berichten und daraus Schlüsse zu ziehen, die viele Menschen auch außerhalb unseres Kiezes interessieren könnten.
Im Blog sollen außerdem Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie mit Deutsch-als-Zweitsprache-Methoden junge Migranten an Schulen im Wedding aber auch außerschulisch gefördert werden können.
Geschrieben in Uncategorized | Drucken | 1 Kommentar »